Zwischen den Generationen: Wie meine Tochter mir meine eigenen Wurzeln zurückgibt
Vor Kurzem wurde ich bei einer Lesung aus dem Publikum gefragt: „Was machst du eigentlich konkret, um die Werte und Kultur Vietnams an deine Tochter weiterzugeben?“
Die Art und Weise, wie die Frage gestellt wurde, war so wunderschön und warmherzig, dass sie mich noch tagelang beschäftigt hat. Sie hat in mir ein Karussell an Gedanken in Gang gesetzt. Denn im ersten Moment sucht das Gehirn nach einer praktischen To-Do-Liste. Aber als ich tiefer darüber nachdachte, merkte ich: Die größte Veränderung passiert gerade gar nicht auf einer rationalen Erziehungsebene. Sie passiert in meinem Herzen und in meiner eigenen Familie.
Was mich am meisten überrascht, ist nämlich nicht das, was ich aktiv tue – sondern wie sehr sich die Beziehung zu meinen Eltern verändert hat, seit ich selbst Mama geworden bin.
Wenn Eltern zu Großeltern werden
Ich beobachte meine Eltern heute oft dabei, wie sie mit meiner Tochter umgehen. Sie sind so viel sanfter, geduldiger, weicher und unendlich liebevoller, als ich es aus meiner eigenen Kindheit in Erinnerung habe. Manchmal fühlt es sich an, als würden wir alle gemeinsam die Zeit nachholen, die uns früher gefehlt hat. Damals, als es zwischen Existenzaufbau, dem Zurechtfinden in einem neuen Land und dem alltäglichen Überlebenskampf oft einfach keinen Raum für diese emotionale Leichtigkeit gab.
Vor allem meine Mama sehe ich heute mit völlig anderen Augen. Ich erkenne mich in ihr wieder. All ihre Sorgen, ihre Ängste, ihre Wünsche und vor allem diese grenzenlose, manchmal erdrückende, aber immer beschützende Liebe – vieles, was ich als Kind oder Teenager nicht verstanden habe, ergibt heute plötzlich Sinn. Ich verstehe ihre Opfer. Und gleichzeitig sehe ich mich selbst in meiner Tochter wieder. Es ist, als würde ich in zwei Spiegel gleichzeitig schauen: in die Vergangenheit und in die Zukunft.
Deshalb bedeutet Kultur für mich heute nicht mehr nur, alte Traditionen starr weiterzugeben. Es bedeutet vielmehr, unsere Beziehungen neu zu verstehen und zu heilen.
Unsere Anker im Alltag
Natürlich gibt es auch die konkreten Dinge, die wir in unseren Alltag weben. Denn Kultur ist für mich ein lebendiger Organismus.
Sprache als Brücke (nicht als Pflicht): Ich spreche mit meiner Tochter ausschließlich Vietnamesisch. Das Faszinierende daran ist, dass mein eigener Wortschatz dadurch wieder wächst. Wörter, Redewendungen und Ausdrücke, die ich fast vergessen hatte oder als Kind nie gelernt habe, kommen Stück für Stück zurück. Durch die täglichen Gespräche mit meinen Eltern lerne ich selbst jeden Tag Neues. Sprache ist bei uns keine Einbahnstraße – sie ist das unsichtbare Band, das drei Generationen aktiv miteinander verbindet.
Klangwelten und Geschichten: Ich entdecke vietnamesische Kinderbücher und Kinderlieder völlig neu. Es ist so wunderschön zu sehen, wie viele tolle bilinguale Bücher es mittlerweile gibt – ein Angebot, das ich mir als Kind selbst gewünscht hätte. Wenn ich ihr die Lieder vorsinge, die ich selbst als kleines Mädchen gehört habe, oder gemeinsam mit ihr neue auswendig lerne, merke ich: Musik transportiert Gefühle, Erinnerungen und Identität oft viel tiefer als jedes gesprochene Wort.
Kultur, die man schmecken kann: Etwas, das oft unterschätzt wird, ist die Küche. Kochen ist für mich pure kulturelle Weitergabe. In den Gerüchen von Ingwer, Koriander und Fischsauce, in den alten Familienrezepten und in den kleinen Ritualen am Esstisch stecken all unsere Geschichten. Kultur wird bei uns nicht nur erzählt – sie wird geschmeckt, gerochen und am Küchentisch gemeinsam erlebt.
Ein Geschenk unserer Kinder
Ich glaube fest daran, dass wir Kultur nicht in den großen, inszenierten Momenten weitergeben. Sondern im Kleinen. Im Alltag. In einem bestimmten Wort, das wir wählen. In der Melodie eines Schlafliedes. In einem warmen Teller Suppe. In den Gesprächen mit unseren Eltern.
Und das Schönste daran ist: Manchmal geben unsere Kinder uns etwas zurück, ohne es zu wissen. Sie schenken uns die Möglichkeit, unsere eigene Geschichte noch einmal ganz neu zu entdecken. Mit mehr Verständnis, mit viel mehr Mitgefühl und mit einem völlig veränderten, dankbaren Blick auf die Generation vor uns.

