Warum Mutterschaft nie dafür gedacht war, alleine getragen zu werden
Vor ein paar Tagen war ich zu Gast in einem Podcast bei der lieben Anna , bei dem es über selbstständige Mütter, Self Care und die Frage, wie man Arbeit, Familie und eigene Identität miteinander verbindet.
Ich muss sagen..Es tat so gut, laut und mit Anna über Dinge zu sprechen, die viele Mütter fühlen — aber selten wirklich aussprechen. Wir haben nicht darüber gesprochen, wie man „alles schafft“, sondern eher darüber, warum niemand alles alleine schaffen sollte.
Denn ich glaube, viele moderne Mütter im Alltag leiden daran, dass sie versuchen, etwas alleine zu tragen, das früher von einem ganzen Dorf getragen wurde.
Früher dachte ich, Selbstständigkeit bedeutet Freiheit
Bevor ich Mutter wurde, war Selbstständigkeit für mich: Freiheit. Ich konnte nachts arbeiten, spontan kreativ sein, reisen, Projekte umsetzen, Ideen hinterherlaufen. Aber Mutter zu werden hat mir gezeigt: Freiheit ohne Unterstützung kann sich plötzlich wie Isolation anfühlen. Besonders und vor allem als Frau.
Denn Arbeit und Selbstständigkeit enden nicht automatisch mit der Geburt eines Kindes. In meinem ersten Jahr als Mutter habe ich mich bewusst zurückgezogen, weil mir schnell klar wurde, dass nicht alles gleichzeitig wachsen und funktionieren kann. Plötzlich ist da ein Mensch, der vollständig von dir abhängig ist — und gleichzeitig verändert sich alles in dir, auch deine Identität.
„It takes a village to raise a child.“
Diesen Satz kennen viele, aber ich glaube mittlerweile: Heute braucht es eigentlich ein Dorf, um eine Mutter gesund zu halten. Denn wir versuchen heute oft als isolierte Kleinfamilien etwas zu leisten, wofür die Evolution eigentlich eine ganze Gemeinschaft vorgesehen hat.
Früher:
lebten mehrere Generationen zusammen
Kinder waren sozial eingebettet
Care-Arbeit wurde geteilt
Nachbarn kannten sich
Mütter waren selten komplett alleine
Heute dagegen (in vielen Großstädten):
leben viele weit weg von Familie
Selbstständigkeit glorifiziert Unabhängigkeit
Social Media zeigt perfekte Mütter
viele versuchen gleichzeitig produktiv, präsent, emotional stabil und erfolgreich zu sein
Und genau das macht moderne Mutterschaft oft so schwer. Als Vietnamesin merke ich oft, wie unterschiedlich Mutterschaft kulturell gelebt wird.
In Vietnam ist Familie traditionell weniger „privat“. Kinder gehören emotional oft mehreren Menschen. Großeltern helfen selbstverständlich, denn meistens ist es so, dass die Oma oder Tanten für die ganze Familie kochen. Und natürlich kann ich nicht alles glorifizieren und romantisieren - denn manchmal sind die Erwartungen, traditionelle Rollenbilder und Einmischung auch in Mehrgenerationhaushalten verbunden, aber die Last wird häufiger geteilt und vielleicht liegt genau darin etwas sehr Menschliches. Denn Menschen sind nicht dafür gemacht, isoliert zu leben.
Selfcare bedeutet..
Mutterschaft hat mich gezwungen, meinen Energiehaushalt ernster zu nehmen.
Für mich bedeutet Self-Care mittlerweile:
Grenzen setzen
Hilfe annehmen
weniger leisten
Erwartungen loslassen
ehrlich sagen, dass man erschöpft ist
nicht erreichbar sein
Vielleicht ist wahre Stärke nicht Unabhängigkeit — sondern Verbundenheit
Das ist wahrscheinlich einer der wichtigsten Gedanken, die ich aus diesem Gespräch mitgenommen habe. Wir leben in einer Gesellschaft, die Unabhängigkeit oft mit Stärke verwechselt.
Aber vielleicht liegt Stärke manchmal vielmehr darin:
Hilfe anzunehmen
Verantwortung zu teilen
ehrlich zu sein
Gemeinschaft aufzubauen
Menschen zu brauchen

